Reis Parteitag

Die Kolumnen in der Frankfurter Rundschau

 

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Thomas Reis über Roland Koch

Roland Koch hatte Geburtstag. Der Kabarettist Thomas Reis blickt auf das Leben des CDU-Politikers zurück – und gratulierte in der Frankfurter Rundschau vom 22.3.2008.

 

Das Morakel von Eschborn

Lieber Roland,

herzlichen Glückwunsch, denn kaum zu glauben trotzdem wahr, Du wirst heute 50 Jahr. Erst? Möchte der ungeschulte Bewunderer Deiner Person auszurufen geneigt sein; endlich, der geschulte.

Endlich wird Roland so alt, wie er immer schon war, nicht so alt, wie er immer schon aussah, denn er sah schon mal jünger aus, zu seiner Geburt, er sah auch schon älter aus, aber dazu später.

Roland Koch, wie viel Zauber, wie viel Poesie, wie viel Enigma liegt im Klang dieses Namens, wie viele unauflösbare Widersprüche branden noch heute an die Gestade seines noch nie erweiterten Bewusstseins, oder können Sie sich einen kettekiffenden Koch vorstellen, einen headbangenden Roland auf Ecstasy? Ja, und genau darin liegt das ontologische Dilemma Roland Kochs.

Melitta-Mann und Dirty Harry, Lenor und Domestos, zwei Seelen, ach, gefangen in einer Verpackung, Roland Koch, das Morakel von Eschborn, ein Mann wie Eva und Herman. Wie lässt er sich charakterisieren, gar nicht, hätte er einen Charakter, er hätte ihn als Schwäche begriffen und für sich behalten. Charakterlos ist er aber auch nicht. Er ist nicht unsympathisch, aber sympathisch? Was macht ein Wirbelloser, wenn er Rückgrat zeigen muss? Er verkleidet sich als Roland Koch. Der Witz könnte von ihm sein, Roland hat Humor. Sein bester Witz: “Glauben Sie bitte bloß nicht, dass ich mich so wichtig nehme.” Dabei ist wichtig das Kochschste aller Worte, jenes Wörtchen, das sich aus Wicht und Ich zusammensetzt, wie Roland selbst.

“Frau Koch, es ist.” “Ja was denn nun?” “Es ist”, soll Hebamme Frieda Eugenia mit der gebotenen Verdutztheit, die jeden im Moment seines ersten extraterrestrischen Kontakts anfällt, konstatiert haben, nachdem sich Roland regelkonform, aber nicht mehr ganz frisch hatte ans gleißende Licht der Öffentlichkeit pressen lassen, bereits als Fötus vor Ungeduld ergraut. “Es ist.” “Ja, was denn nun”, raunzte Mutti Koch ein wenig ungehalten. “Es ist ein Ministerpräsident.” “Noch”, war die erste renitente Lebensregung des betagten Säuglings, worauf Frieda Eugenia den frechen Wurm Roland an den Beinchen packte und ihm gründlich den Arsch versohlte. Der kleine Ministerpräsident krakelte kurz, aber ordnungsgemäß, um sich dann 14 Jahre lang nicht mehr öffentlich zu äußern. Das war die Zeit der inneren Emigration, er taktierte, wartete ab, um dann endlich, im fortgeschrittenen Alter von 14, da hatte einer wie Alexander der Große die Midlife-Crisis längst überwunden, nach der Macht zu greifen.

Andere Jungs kommen mit 14 in die Pubertät und gehen in wilde Clubs, sie entdecken die feinsinnige Ästhetik der Pornografie, begeistern sich für Hermann Hesse, Free Jazz und andere martialische Formen der subtilen Staatszersetzung, so war das zumindest damals; Roland hingegen schwärmte für Wim Thoelke, Flipper, Franco Nero und den Spion, der aus der Kälte kam. Er selbst kam nicht aus der Kälte, aber auch nicht in die Pubertät, sondern auf dumme Gedanken und wäre sicher nicht in besetzte Häuser, sondern in die Junge Union gegangen, hätte es die in Eschborn schon gegeben, weshalb er sie zunächst einmal gründen musste. Eschborn to be wild. Mit 14 war er der jüngste freiwillige Spießer seiner Gemeinde und auch damit seiner Zeit weit voraus. Roland war sein ganzes bisheriges halbes Jahrhundert damit beschäftigt, sich wählen zu lassen, vom Jüvotz, jüngsten Vorsitzenden, direkt zum Jümipah, jüngsten Ministerpräsidenten aller Hessen. Heut ist Roland das wahrscheinlich älteste Wunderkind der Welt, der Ältjuwatz, der älteste junge Wilde aller Zeiten.

Churchill unkte: “Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer mit 40 immer noch einer ist, hat keinen Verstand.” Was hat Roland? Respektive, was hat er nicht? Rolands rote Zellen waren schon beim Eisprung grau, dem seiner Mutter, er hatte seinen erst 1999, da hatte er einen gewaltigen Sprung. Das Ei, das er dabei legte, hat ihn jetzt aus dem Nest geworfen. Roland konnte sich nur selbst verhindern. Ob er das weiß? Auch ich sah ihn schon als JüBuKaz, als jüngsten Bundeskanzler aller Zeiten. Roland, mir graute vor Dir.

Jung und wild (FR) Sicher war es damals um den hessischen Fußball nicht eben rosig bestellt, aber eine Unterschriftenaktion gegen den Doppelpass, das war unsportlich. Diese dumme Blut- und Bodengrätsche hat Dir zwar die Wölfersheimer Nazis und ihre Anverwandten in Scharen zulaufen lassen, aber selbst der bescheuertst anzunehmende Mitmensch, der NPD-Wähler, ist doch nicht so blöd, dass er nach neun Jahren nicht gemerkt hätte, dass Du gar kein Nazi bist, nicht mal ein Sympathisant wie Dein bedauernswerter Kollege aus Baden-Württemberg, dem da die Filbinger Rede rausgerutscht ist. Was Dir rausrutschte war dieses faule Ei, dass Du dieses Ei ein zweites Mal gelegt hast, da fehlen mir die Worte. War das Selbstironie, Kokain, Todessehnsucht, Trunkenheit im Amt, latenter Sadomasochismus, Otto Schily?

Oder war es ein Suizid aus Selbst-, ergo Politikverdrossenheit. Dass Zinedine Zidane, sich als gewaltbereiter Moslem gebärdend, kopfüber in einen katholischen Ausländer stürzte, gut, das war nicht schön, aber Zinedine war am Ende seiner Karriere, ein ganz alter Mann, aber Du, for ever Fifty, kein falscher Fuffziger mehr, Du hast Dein Leben noch vor Dir mein Junge. Man schuftet nicht jahrelang, um Franjo Feldbusch als Vermögensverwalter einzusetzen.

Wofür die Mühen, stundenlange Phrasenübungen, Platituden pauken, das akribische Einstudieren pathetischer Gebärden vor dem Spiegel des elterlichen Schlafzimmers, der Verzicht auf die Verschwendung Deiner Jugend, der Andenpakt, diese drollige Geheimloge aus Merz, Wulff, Dir und Co. Selbst wenn Ihr Euren Radieschenbund Himalaja Connection genannt hättet und wäret Ihr mit dem Teufel selbst im Bunde, ein Pakt gegen Helmut? Droht Tibet China mit einem Erstschlag, Kuba den USA mit einem Waffenembargo oder Drewermann Gott mit einem Attentat? Der Iran macht so was. Wahnsinn, war Euch nicht klar, dass Helmut ein untoter Formwandler ist, der auch nicht davor zurückschreckt, sich des Körpers einer uckermärkischen Physikerin zu bedienen, um Dich über sich selbst hinaus zu demütigen.

Roland Koch 1988 (FR) Ist es wirklich so schlimm mit Angela, dass Du nicht mehr willst? Du wirkst ein wenig resigniert. Burn out, Du? Sitzt der Schmerz so tief? Du hast doch alle Zeit der Welt, andere werden in Deinem Alter 74, aber Du bist 50, und Du wirst auch in 20 Jahren noch 50 sein. Wenn Angela nach 16 Jahren von einer Mumie namens Oscar, auf die saarländische Archäologen bei einer ideologischen Notausgrabung stießen, abgelöst wird, die bereits nach 14 Tagen amtsmüde und von Linksgicht geplagt das altrosa Handtuch wirft, worauf Joschka, der finanziell weiter so gut aufgestellt ist, dass er seiner Freundin das Studium finanzieren kann, für drei Jahre kommissarisch mit Gerd als Supersuper-Ministerministermanager, dann schlüge Deine Stunde.

Roland, auch wenn sie Dir alles genommen hat, selbst Dein Lama, Deinen besten Freund hat sie Dir ausgespannt und vor ihren Wahlkampfkarren geschnürt, wo Dich schiere Zuneigung und der buddhistische Befreiungskampf an ihn band, eine bizarre Liebe, die ich Dir merkwürdiger Weise eher glaube als Deine Euphorie für bombende Bumsblödler aus dem Reich der Grinsdebilen; ein Aufklärer wie Du, kein Ephraim Lässig, kein Kuschel-Kant, nein, ein Monsieur 1000 Voltaire, ein brutalstmöglicher Aufklärer, Nebelhorn und Nebelmaschine in christlicher Personalunion, einer wie Du hält Aufklärung nicht für die Vorbereitung einer Bodenoffensive, sondern allenfalls für die brutalstvernünftige Verschleierung brutalstkaumlegaler Transferleistungen verstorbener jüdischer Genossen, die erstens nicht jüdisch, zweitens eher nicht verstorben und drittens keine Genossen waren, Geldanlagen, mit denen Du selbstverständlich vielleicht nie etwas zu tun gehabt haben konntest, sonst hättest Du noch eine berufliche Perspektive als Anlageberater der gemeinen deutschen Zumwinkel. Nein, die Ackermänner können das selbst ganz gut, aber wovon willst Du leben? Wie Deinen Terminkalender füllen, den tabellarischen Nachweis Deiner Existenzberechtigung?

Weißt Du, wie schlimm es ist, plötzlich Zeit zu haben, als ewig Rastloser? Leer stehende Zeit, das ist ein offenes Tor ohne Scheune. Was willst Du tun? Seniorensport? Was hast Du davon: Tennisarm, Golfsack, Wanderniere. Segelohren hast Du schon. Bringt’s das? Mit Tim Mälzer kochen? Das hast Du Dir mal gewünscht, und dann? Tim hat ein Buch geschrieben, es heißt: Das Kochbuch. Was willst Du schreiben, das Rolandslied gibt es schon. Oder wird’s ein Reiseratgeber: Mein Hessenführer. Missverständlich.

Willst Du oberster deutscher Fußgänger werden, der Radlerposten ist vergeben, oder willst Du als Zivi nach Brüssel wie Edmund, der dort eifrig die Bürokratie bekämpft, indem er Anträge stellt. Nein, dieses Roland ist es nicht.

Willst Du Dich wie Heide als Unicef-Barbie ohne Spendensiegel oder wie Schröder als Sonderbotschafter der Russenmafia und Ein-Million-Euro-Jobber am Zürichsee verdingen, vom Fulltime-Schwätzer zum Teilzeitschweizer? Du nicht Roland, Du bist nicht resozialisierbar, nicht nach all den Jahren, die Du im abgeschottetsten Hochsicherheitstrakt Hessens abgesessen hast, im Landtag, fern ab von Steuererklärungen, Elternabenden und Tankbelegen. Ach, mach doch, was Du willst, Du bist alt genug. Aber verlasse uns nicht, wir wollen auch lachen, schon der Verlust Stoibers ist eine erschütternde Tragödie, nur die Alphabetisierung Mario Barths war ein noch größerer Verlust für den deutschen Humor.

Roland Du bist unersetzlich – für uns Kabarettisten, Du bist nicht Guido. Als sich Guido zum Kanzlercandydat ausrief, fühlte ich mich an das Glühwürmchen erinnert, das als Berufswunsch Flutlicht angab, aber Du bist eine LCD-Leuchte im Schattenreich der Politikerdrohnen und Intellekt-Eunuchen.

Was soll nur aus Dir werden? Kanzler, Du hast doch nichts anderes gelernt. Nutze die Zeit, besuch den Abschiebeknast auf Deinem Frankfurter Flughafen oder geh in eine Selbsthilfegruppe, die anonymen Ausländerfeinde oder so. In den USA wird ein straffälliger Jugendlicher (BTM-Vergehen) mit Migrationshintergrund (Schwarzafrika) und fundamentalistischer Rhetorik (Christentum) jetzt sogar Präsident, vielleicht wird es sogar Hillary, ein guter Mann. Ja, der Gedanke an die Homoehe fällt mir auch schwer, andererseits sind Schwule nicht das auserwählte Volk, warum sollte ausgerechnet ihnen die Ehe erspart bleiben? Rede soviel Grobmüll wie Du willst, aber bleib. Du wärst so wichtig für die Jugend, als Kanzler wärest Du das Seelenviagra einer entkernten Generation, Jugend braucht Leitfiguren, die es sich zu hassen lohnt.

Ein Robert Koch wird nicht mehr aus Dir, nach Dir wird sicher kein Institut benannt, aber vielleicht eine Institution, eine Strafanstalt, das ist auch was, denn nirgendwo ist Strafvollzug liberaler als in Hessen, und wer ist Schuld? Du. War das Absicht? Nirgendwo in Deutschland wurde soviel sozialer Wohnraum für Gestrandete und Milieugeschädigte geschaffen wie in Deinen Vollzugsanstalten, Du hast die Lehrer wieder in die Schulen getrieben, mit Geld, aber sie unterrichten wieder.

Roland ist anders, er geriert sich als tollwütiger Ajatollah, füttert kleinstbürgerliche Erlösungsphantasien mit Rambo-Rhetorik, um dann Heinzelmännchen zu spielen, als Undercover-Liberaler. Ist Roland Koch ein V-Mann von Amnesty, ein Tempelritter der Friedensbewegung oder gar ein Doppelagent der ANTIFA? Oder lebt er nach dem Motto: Ich bin Humanist, aber hoffentlich merkt das keiner. Das ist unter den intelligenteren Politikern kein seltenes Krankheitsbild und nennt sich im Fachjargon Opportunismus. Denken Sie an Lothar Späth oder Heiner Geißler, Meister der Tarnung, die haben sich jahrelang so gut getarnt, dass sie am Ende nicht mehr wussten, nehme ich meine Maske ab oder mein Gesicht. Das ist vollkommen egal, aber was darunter hervorkam war jedenfalls bemerkenswert und sollte uns Mut machen. Alterweisheit ist eine Hoffnung, die ich nie aufgebe.

Alles Gute zum
Weiserwerdtag wünscht
herzlich Thomas Reis